Ana “Rokafella” Garcia, 39, und Gabriel “Kwikstep” Dionisio, 42, gehören zu den bekanntesten Breakdancern der USA. Seit siebzehn Jahren sind sie ein Paar und treten gemeinsam auf – eine in der Szene einzigartige Kombination. Ob Musikvideos mit Mariah Carey und Will Smith, Werbespots für Levis, Broadway-Shows oder das erste Hip-Hop-Konzert in der Library of Congress, die beiden New Yorker mit puertoricanischen Wurzeln waren überall dabei.

Coole Schuhe, cooles Paar: Rokafella und Kwikstep im Sommer 2000 im Central Park und zehn Jahre später über den Dächern von New Jersey. (Fotos: privat)
Ich treffe die zwei Veteranen im Jugendzentrum The Door im New Yorker Stadtteil Tribeca, wo sie sozial benachteiligten Jugendlichen Unterricht im B-Boying geben, wie Breakdancen auch genannt wird. Filmen oder Fotografieren ist nicht erlaubt, den Kindern und Jugendlichen wird von “The Door” Anonymität gewährt. Also schaue ich zu, wie “Rokafella” und “Kwikstep” mit ihren Kids über den Boden wirbeln, manche davon fast so schnell wie der Meister selbst in seinen besten Jahren (Kwikstep 1996, zu sehen ab 1:15):
Nach dem Kurs setzen wir uns zu dritt in einen puertoricanischen Bodybuilder-Imbiss nahe dem Hudson River. In den Regalen stehen Eimer mit Eiweißpräparaten, an den Wänden glänzen Fotos eingeölter Muskelberge. Rokafella und Kwikstep bestellen vegetarischen Burrito mit fettfreien Pommes.
Tonspur: Ihr seid ein Breakdance-Paar – oder wie nennt ihr euch?
Rokafella: Ein Mann-Frau-Team.
Kwikstep: Ein Hip-Hop-Paar.
Wie seid ihr euch begegnet?
R: Das war 1994, als unsere beiden Crews bei einem Straßenfestival hier in Manhattan auftraten und wir uns den selben Platz teilen mussten. Wir haben damals beide auf der Straße getanzt, aber ich war Teil einer Crew, er Teil einer anderen.
K: Crews auf der Straße sind Rivalen. Wenn eine Crew einen festen Platz hat, und eine andere will an der selben Stelle tanzen, muss sie mindestens genauso gut sein und das auch zeigen. Wir kamen also an, die besten von uns gingen in die Mitte und legten los. Ich war einer der Solotänzer, und ich war bekannt dafür, sauber und weich zu tanzen. Das hat Ana beeindruckt, glaube ich.
Sauber und weich?
R: Auf der Straße zu tanzen ist keine saubere Sache. Ich war immer voller Dreck. Meine Klamotten, meine Knie, meine Sneakers, alles. Bei ihm war das nicht so, er hatte eine spezielle Art, sich zu bewegen. Er fiel nie, rutschte nie. Ich fand ihn sehr attraktiv, wir konnten aber nicht wirklich flirten. Ich war mit einem aus meiner Crew zusammen, das wäre gegen die Regeln gewesen. Also haben wir uns einfach ein bisschen unterhalten. Er erklärte seine Idee von Hip-Hop, von der ganzen Kultur. Ich wusste bis dahin nicht mal, dass es einen Namen dafür gibt.
K: Als ich sie beim Breaken gesehen habe, kam sie mir vor wie eine tanzende Flamme, weißt du. Eine Flamme, von der ich mich wärmen lassen kann. Kein Feuer, an dem man sich verbrennt.
Wow.
K: Und ich wusste, dass diese Flamme einer ganzen Menge Leute einen Weg aufzeigen könnte. Ich wusste, sie hat eine Botschaft, wenn sie tanzt. Und sie hat den richtigen Körperbau dafür, die Arme, die Beine. Hip-Hop war meine erste Liebe, aber Ana wurde für mich die weibliche Version davon, das, was Hip-Hop in einer Frau sein soll. Das habe ich sofort gemerkt, aber ich musste ihren Freund respektieren. Bis wir uns wiedersahen, in der U-Bahn. Ich tanzte mit meiner Crew…
…in der U-Bahn?
K: Ja, auf dem Bahnsteig. Als ich von meinem Solo aufstand, stand sie plötzlich direkt vor mir. Und ich dachte, ok (klatscht in die Hände), jetzt will ich doch mal sehen, was geht. “Hey, wie gehts? Was macht Robert?” So hieß ihr Ex-Freund, er möge in Frieden ruhen. “Ich bin nicht mehr mit ihm zusammen”, hat sie gesagt, und ich… (ballt die Faust)
R: (lacht)
K: Die Company, bei der ich zu dieser Zeit arbeitete, hatte zufällig an diesem Tag ein Casting. Sie suchten nach einer Tänzerin. Ich wusste, Ana war perfekt dafür, aber sie wollte nicht. “Ich muss erst nach Hause, ich bin falsch angezogen, ich hab meine Sneakers nicht dabei…” “Wir müssen dahin, jetzt!”, habe ich gesagt. Sie hat das Casting dann barfuß gemacht – und gewonnen. Von da an waren wir zusammen unterwegs.
Breakdance ist seit jeher männerdominiert – gelten Frauen da nicht automatisch als die Schwächeren?
K: Die Crew, in der ich mit Ana war, wollte eine weibliche Hip-Hopperin. Trotzdem hatten sie eben genau diese Auffassung. Sie verstanden nicht, warum ich so sehr an Ana glaubte, und je mehr Zeit ich in sie investierte, desto unsicherer wurden die Jungs. Ana hat das nur noch stärker gemacht.
R: Sie haben Frauen, die breaken, generell misstraut und immer nur einfache Choreographien tanzen lassen, aber ich wollte freestylen, ich wollte den Tanz wirklich beherrschen. Inzwischen ist Breakdance im Mainstream angekommen und es gibt viele B-Girls, damals war ich fast die Einzige.
Trailer zu “All the Ladies Say” – Ana “Rokafella” Garcias Dokumentarfilm über weibliche Breakdancer

Heute habt ihr eure eigene Tanz-Company – was kosten Rokafella und Kwikstep für einen Abend?
R: 10.000 Dollar für eine Stunde volles Programm. Theater, Spoken Word, Tanz, Videokunst. Das Geld ist nicht für uns alleine, sondern auch für Licht, Bühnenbild und Sound, wir sind insgesamt zu fünft. Einen Teil davon kassieren wir vorher, um die Choreographie zu entwickeln, Proberäume anzumieten und so weiter. Unsere gesamte Company besteht aber aus 21 Musikern und Tänzern.
Rokafella, Kwikstep und ihre Company “Full Circle Productions” beim Alternate Routes Festival, Juni 2011

Leben und Beruf teilen – wie macht ihr das?
K: Man muss trennen können. Kwikstep oder Rokafella, das ist unser Alter Ego,…
R:…das ist unser Job.
K: Und an diesem Alter Ego hängt das eigene Ego, das man braucht, um zu unterrichten, um klarzumachen, warum man diesen Namen in der Branche trägt. Aber zuhause sind wir Gabriel und Ana. Der Umhang und die Stiefel werden ausgezogen, und wir haben ein Mann-Frau-Ding am Laufen. Das muss man auch pflegen. Wir kümmern uns um die Kids, die Community, und wenn wir mal mit unserer Beziehung am Rande waren, war die Community für uns da und hat uns Zeit gegeben. Wir waren mehrmals voneinander getrennt und haben nachgedacht: Ist es das? Ist das wirklich die Eine, der Eine, mit dem ich weitermachen will? In jeder Beziehung kommt es irgendwann zu dieser Entscheidung.
Bist du nicht eifersüchtig? Immerhin ist Ana eine einmalige Erscheinung in eurer Szene.
K: Natürlich frage ich sie manchmal: “Hey, der Typ schaut dich immer so an – hat er dich angemacht? Ist er zu weit gegangen?” Aber weiter geht meine Eifersucht nicht. Ich werde sie nicht in einen Käfig sperren, nur weil sie mal rumfliegt. Aber ich behalte sie im Auge. Plus: Diese Frau ist sehr hitzig. Du kannst gern versuchen, mit ihr fertig zu werden, aber da braucht’s eine Menge Arbeit. Dasselbe gilt auch für mich. Ich bin kein einfacher Typ.
R: Yeah.
War eure eigene Kindheit auch so schwierig wie die der Kinder von “The Door”?
R: Wir sind dauernd umgezogen, von einem Viertel ins andere, ich musste immer wieder meine Freunde aufgeben, und am Schluss sind wir in der Bronx gelandet. Aber im Vergleich zu Kwikstep hatte ich es leicht.
K: Meine Mutter war heroinsüchtig, ich wurde ihr weggenommen und in Pflegefamilien untergebracht. Ich wurde immer weitergereicht, von Familie zu Familie, von Wohnblock zu Wohnblock. Ich habe verschiedene Arten von Gewalt mitbekommen, viele Drogen. Aber das Schicksal meiner Mutter hat mich immer von Drogen weggehalten. In den Ghettos funktionieren Drogen als Bindemittel zwischen den Menschen. Gras rauchen, Heroin spritzen, Angel Dust rauchen – auf diese Weise entfliehen die Leute gemeinsam der Realität. Ich wollte auch flüchten, aber nicht so. Bei den coolen Leuten war ich deshalb unbeliebt. Solange ich tanzte, war es einigermaßen cool, in meiner Nähe zu sein, aber sobald ich aufhörte, war es wieder uncool, weil ich keine Drogen nahm. Daher kommt auch mein Name “Kwikstep”. Ich bin Stress immer aus dem Weg gegangen – und beim Breaken hatte ich eine sehr schnelle Beinarbeit.
Und woher stammt dein Name “Rokafella”?
R: Breakdancen auf der Straße ist illegal, ich hatte ständig Stress mit Polizisten, die uns vertrieben, und Geldstrafen aufbrummten, sogar einsperrten. Zu einem habe ich dann gesagt, ob er überhaupt wüsste, wer ich bin, ich könnte schließlich genauso gut eine Rockefeller sein. Ab diesem Tag nannte dieser Polizist mich so, und ich behielt den Spitznamen.
Kwikstep, du tanzt seit den Achtzigern, Rokafella seit Anfang der Neunziger – für Breaker seid ihr schon ziemlich alte Säcke, oder?
K: Wir sind keine alten Säcke. Es ist wie beim Kung Fu. Während die jungen Typen zwanzig Bewegungen machen, macht der Altmeister fünf. Aus Finesse. Weil er schon weiß, wie er seine Energie spart, um mit diesen fünf Bewegungen ans Ziel zu kommen. Bei jedem erfahrenen Tänzer, der alt ist und noch gesund, siehst du seine ganze Geschichte in nur einer Bewegung. So ist das beim Breakdancen auch. Wir drehen uns auch auf dem Kopf, aber unsere Erfahrung siehst du, wenn wir uns Stück für Stück über den Boden bewegen.
Seid ihr versichert?
K: Wir glauben nicht an Versicherungen, sondern an Homöopathie, Akupunktur, Chiropraktiker und Masseure.
R: Wenn ich das Gefühl habe, mein Ellbogen wird steif, gehe ich zur Akupunktur, 50 Dollar, fertig. Da brauche ich nicht monatlich in eine Versicherung einzahlen. Wir vertrauen dem Schicksal und der Tatsache, dass wir nicht von Null auf Hundert gestartet sind, sondern uns jede Stufe hart erarbeitet haben. Das minimiert das Verletzungsrisiko. Wenn du als Anfänger einen Headspin machst, wirst du dich verletzen, garantiert.
Kwikstep zeigt sein Markenzeichen, den Headspin, während einer Preisrichter-Show 2010 in Korea

Gibt es ein Haltbarkeitsdatum für Breakdancer?
R: Also mit 70 möchte ich mich nicht mehr auf dem Rücken drehen. Aber ich möchte irgendwas machen. Wenn du nicht trinkst, nicht rauchst und dich nicht mit Leuten umgibst, die schlecht essen, hast du eine Chance.
K: In Amerika ist Alter leider ein Problem. Sobald du ein bestimmtes Alter überschritten hast, stecken dich die Leute in eine Schublade und sagen, du solltest was anderes machen.
R: Yeah, mein Alter wird inzwischen gegen mich verwendet. Ich werde von Castings ausgeladen, Kooperationen werden abgeblockt. “Ich habt mich noch nicht gesehen”, muss ich dann immer sagen, “ihr habt meinen Mann noch nicht gesehen, meine Schüler, ich kann euch so viele gute Leute bringen, mein Netzwerk ist riesig. Und ihr macht die Tür zu, nur weil ich 39 bin?”
K: Wenn ich gefragt werde, wie alt ich bin, frage ich zurück: Wie alt sehe ich denn aus? Wenn die Antwort 32 ist, dann bin ich eben 32.
R: Und ich 27.
K: Im Sommer sehen wir sogar noch jünger aus. (lacht) Ich mag 42 sein, aber wenn ich tanze, sehe ich aus wie 24.

"Im Sommer sehen wir sogar noch jünger aus": Rokafella, 39, und Kwikstep, 42
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Zum Weiterlesen: Eine kleine Kulturgeschichte des Breakdance (Quelle: 3sat)
Zum Moven und Shaken: Full Circle feat. Rokafella – Can We Get Down?








Mister X ist 29 und arbeitet in der Marketingabteilung eines der vier größten Musiklabels der Welt. Sein Büro ist in New York, von hier aus sucht er nach neuen Wegen, Aufmerksamkeit für seine Künstler zu generieren – häufig gegen Widerstände im eigenen Haus. “Es gibt hier immer noch genügend Leute, die nach dem Auschaltknopf für das Internet suchen.” Seine Identität möchte er deshalb für sich behalten.













































