Eine Begegnung mit Richard Morse – Musiker, Hotelier, Voodoo-Priester und Cousin des neuen Präsidenten von Haiti

Symbolfigur Haitis: Richard Morse
Beim Konzert der haitianischen Band Djakout während des Jazz & Heritage Festivals in New Orleans steht ein schwarz gekleideter Hüne in der ersten Reihe. Unter seinem Hut ragt ein langer grauer Zopf hervor, er trägt Jackett und Jeans bei 33 Grad im Schatten, sein Hemd ist bis oben zugeknöpft. Ein Mann in Hawaiihemd und Shorts tippt ihn von hinten an: “Ist ihnen nicht heiß?” “Haben Sie einen Sonnenbrand?” fragt der Hüne zurück. “Ja, natürlich!” “Sehen Sie, ich nicht”, sagt er und dreht sich wieder um.
Typisch Richard Morse. Er ist ein Sonderling. Halb Puertoricaner, halb Haitianer, in den USA aufgewachsen und seit 1985 Eigentümer des Hotel Olofsson in Port au Prince. Jeden Donnerstag tritt der studierte Anthropologe dort mit seiner Band RAM (der Name steht für Richard Auguste Morse) auf und spielt eine Art Voodoo-Pop mit politischen Texten in Kreyól, Französisch und Englisch.
RAM live im Hotel Olofsson
Von Anfang an sang Morse gegen die Regierung an, die wöchentliche Jam-Session in seinem Hotel geriet zum Versammlungsort Andersdenkender. Er und seine Frau Lunise, Leadsängerin der Band, wurden zensiert, mit dem Tod bedroht und einmal sogar beinahe umgebracht, als ein manipulierter Karnevalswagen mit der Band unkontrolliert in die feiernde Menge raste.

Michel Martelly und Richard Morse im Wahlkampf (Foto: Karl Jean-Jeune, www.martelly2010.com)
Weltweit bekannt wurde Morse, als er als einer der Ersten und Einzigen unmittelbar über das Erdbeben twitterte (@RAMhaiti) und schließlich regelmäßig für die Huffington Post berichtete. Vor einem Monat wurde der Musiker Michel Martelly, zum neuen Präsident Haitis gewählt. Mit im Wahlkampfteam: Sein Cousin Richard Morse.
Als ich ihm für meinen Bericht über die haitianische Seite des Jazz Festivals vorgestellt werde, beachtet er mich nicht weiter. Er schaut sich das Konzert an. Danach fragt er, ob ich ihn begleiten möchte. Erst hat er mit Frau und Trommlern einen Auftritt im “Family Kids Tent”, danach fahren wir durchs nächtliche New Orleans zum Hotel der Band. Richard Morse setzt sich in die Lobby, er hat eine halbe Stunde Zeit bis zur Bandprobe.

Kinderquatsch mit Richard: RAM-Show im Kinderzelt des Jazzfestivals
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Tonspur: Sie kommen gerade aus Washington, wo Sie mit ihrem Cousin US-Außenministerin Hillary Clinton besucht haben. Sind Sie jetzt Politiker?
Richard Morse: Ich bin momentan Berater. Ich war Teil des Wahlkampfteams, habe die Kampagne die ganze Zeit über begleitet.
Hat er Sie darum gebeten oder Sie ihn?
Mehrere Kandidaten hatten mich um Hilfe gebeten, aber ich habe mir Michel ausgesucht. Die Tatsache, dass wir verwandt sind, dass unsere Mütter Geschwister sind, machte es natürlich besonders. Wir hatten die vergangenen 15, 20 Jahre nie viel Kontakt. So konnte ich ihn täglich sehen und seine Kinder kennenlernen.
Was war der Inhalt der Kampagne?
Pass auf deine Stimme auf. Denn sie werden versuchen, sie dir zu stehlen. Was sie auch versucht haben. Diese Nachricht hat uns auf die Seite der Menschen gestellt. Und wir haben Bildung für Kinder verlangt, frei zugängliche Bildung.
Und die Kampagne war auf Musik ausgerichtet, oder?
Es war unglaublich. Das Team bestand aus Michel Martelly, Musiker, mir, Musiker, Wyclef Jean, Musiker, Shabba, Musiker und einem Radiomoderator. Wir alle haben gesprochen und unsere Reden mit einem oder zwei Songs abgeschlossen. Die Leute stimmten mit ein, das war wirklch speziell. Wir waren diese Art von Team, zu dem man gehören will. (lacht)
Wahlkampf mit Musik – Michel Martelly in Jérémie, einer Küstenstadt im Südwesten Haitis
Was war ihr erster Ratschlag als Präsidenten-Berater?
Hör auf, Französisch zu sprechen.
Wird er das machen?
Ich hoffe es. Denn Haitianer verstehen Kreyól. Wenn er will, dass die, die ihn gewählt haben, verstehen, sollte er auf Kreyól zu ihnen sprechen.
Hat er das während des Wahlkampfes gemacht?
Hundert Prozent.
Auch Hip-Hop-Superstar Wyclef Jean?
Alle aus dem Team.
Warum hat Jean überhaupt mitgemacht, er wollte doch eigentlich selbst Präsident werden?
Er war wütend auf Préval.
Wie ist er so?
Wir haben uns nie gemocht, aber es scheint, als würden wir jetzt klarkommen. Die Kampagne hat uns zu Freunden gemacht.

Wyclef Jean und Richard Morse bei der Vereidigung des Präsidenten am 14. Mai (Quelle: www.urbanmusic2000.com)
Wie kommt’s, dass Sie so ein politischer Künstler geworden sind?
Ich hatte immer Träume von der Revolution. Ich bin ein Kind der Sechziger. Aber Haiti hat mich gezwungen, dem Schrecken ins Auge zu schauen, denn er kam in mein Hotel. Drei Wochen, nachdem ich 1987 eröffnet hatte, fanden Wahlen statt, es kam zu einem Massaker, Journalisten wurden getötet. Ich hatte Journalisten in meinem Hotel. Das bedeutete also, es könnte jemand kommen und meine Gäste umlegen. Das bringt dich mitten rein in die Diskussion, in den Kampf. Damals musste ich eine Entscheidung treffen.
Sie haben eine Waffe gekauft?
Nein, ich habe nie eine Waffe besessen. Ich begann, die Lage zu verfolgen. Ich versuchte herauszufinden, was vor sich ging, um nicht überrascht zu werden.
Sie wurden mehrmals selbst mit dem Tod bedroht.
Manche Leute werden nicht mit dem Tod bedroht und sterben trotzdem. Richtig? Weißt du, ich habe über all das nachgedacht. Die Drohungen, das Sterben, all das. Und ich möchte nicht, dass mein letzter Gedanke ist: ‘Ich hätte etwas sagen sollen.’ Die Vorstellung, meinen Mund zu halten und das im Sterben zu denken, ist grauenhaft.
RAM – Fey (Anfang der Neunziger Jahre von der haitianischen Regierung verboten)
Warum haben Sie sich so ein gefährliches Land zum Leben ausgesucht?
Ich bin nicht wegen der Politik in Haiti, sondern weil ich Voodoo-Rhythmen mag. Ich bin in Haiti, weil ich Musiker bin. Und ich habe ein Recht, in Haiti zu sein. Es ist das Land meiner Mutter. Und wenn ich dieses Recht habe, heißt das auch, dass ich Forderungen stellen kann. Und eine dieser Forderungen lautet Gerechtigkeit. Ich fordere Gerechtigkeit, und genauso solltest du in Deutschland Gerechtigkeit fordern.
Sie sind in Puerto Rico geboren und in den USA aufgewachsen. Wie haben Sie es geschafft, von den Haitianern ernst genommen zu werden?
Meine Mutter ist Haitianerin. Ich habe mich sehr tiefgehend mit der haitianischen Kultur beschäftigt. Und ich habe über die Jahre an meinen Überzeugungen festgehalten. Ich werde oft angegriffen, weil die Linken meinen, ich sei nicht links genug und die Rechten meinen, ich sei nicht rechts genug. Aber ich habe mich nie für eine Seite entschieden, sondern immer nur meine Meinung gehabt. Ich wollte immer nur den Haitianern helfen, irgendwo hin zu kommen.
Musik von Richard Morse’ Mutter Emerante de Pradines – Legba Na Consolé
Was war ihr bester Moment seit dem Erdbeben?
Ich hatte großes Glück. Meine Frau lebt, meine Kinder leben, meine Mutter lebt, meine Angestellten leben, meine Musiker leben.
Finden Sie, die Journalisten vor Ort haben korrekt über das Erdbeben berichtet?
Sie waren sehr gut zu Haiti. Früher haben Sie sich immer über den Service in meinem Hotel beschwert. Und keiner beschwerte sich, als ich nach dem Beben mit einem Eimer Trinkwasser ankam. (lacht) Nein, ich glaube, die Journalisten waren sehr mitgenommen. Ich habe seit 25 Jahren Medien in meinem Hotel. Ich kenne die Leute inzwischen. Von Coups, von Wahlen, von Hurrikanen.
Mögen Sie Journalisten?
Sie werden immer irrelevanter. Wegen Twitter, wegen Blogs. Aber sie mieten Hotelzimmer. Also mag ich sie nach wie vor. (lacht)

Ein Tweet, der um die Welt ging: Richard Morse' erste Meldung nach dem Erdbeben (Quelle: Twitter)
Wie geht’s ihrem Hotel derzeit?
Wir überleben. Wir waren viele Jahre lang in der Red Zone, das bedeutete, UNO-Mitarbeitern, Diplomaten und sämtlichen Mitarbeitern internationaler Organisationen war es verboten, in unserem Hotel zu übernachten. Ist natürlich schwierig, wenn die einzigen Fremden, die überhaupt im Land sind, nicht in dein Hotel kommen dürfen. Zeitweise dürften sie noch nicht einmal das Gebäude betreten.
Ist das vorbei?
Das Erdbeben hat das alles verändert.
Wie hat ausgerechnet ihr uraltes Gemäuer das Erdbeben überstanden?
Es tanzte. Das Hotel ist Tanzen gewohnt, also tanzte es. Es bewegte sich mit der Erde, anstatt dagegen zu kämpfen. Die Ziegel- und Holzkonstruktionen hielten stand. Aber ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich vemute, weil wir viel beten, aber ich weiß es nicht.
Sie twitterten, Sie seien in ihrem Zimmer “gesurft”.
Ja, ich versuchte, meinen Fernseher zu retten, ich habe nicht kapiert, was los war. Der Fernseher bewegte sich auf mich zu, dann wieder von mir weg, und ich surfte. Es brauchte 15 Sekunden heftigster Schwankungen, bis ich begriff, dass das ein Erdbeben war. Und weil es nicht aufhörte, fragte ich mich: ‘Ist das das Ende der Welt?’ Ich dachte, es wäre das Ende. Das Ende von allem. Die Apokalypse.
Ein Kometeneinschlag?
Nein, ich dachte, die Welt fällt auseinander. Und ich verbrachte die Zeit damit, meinen Fernseher zu retten. Ich verstehe immer noch nicht, warum. Das ist das Ende der Welt, und ich rette meinen Fernseher? Eine Eigenschaft an mir, die ich nicht erklären kann – außer mit der Tatsache, dass ich in den Fünfzigern geboren bin. Und Leute, die in den Fünfzigern geboren wurden, nehmen ihren Fernseher sehr ernst. (macht eine lange Pause, lacht)
Aber Sie sind doch rausgerannt, um ihre Frau und Kinder zu retten, oder nicht?
Nicht bevor das Erdbeben vorbei war. Ich verbrachte die ganze Zeit damit, meinen Fernseher zu fangen. Ich musste mich dafür über einen Tisch beugen, und nur weil ich während des Erdbebens übernatürliche Kräfte entwickelte, gelang es mir, den riesigen Fernseher tatsächlich zu fassen und hochzuheben.
Und dann?
Dann bebte die Erde ein weiteres Mal, und ich ließ den Fernseher fallen. Er durchbrach die gläserne Tischplatte, und die Erde stand still. Und dann bin ich zur Tür rausgerannt. Was ich nach dem Erdbeben sah, ließ mich verstehen, dass ich mich mehr engagieren musste. Ich konnte nicht einfach nur an Twitter und der Huffington Post sitzen und mich über Dinge beschweren. Ich musste mich engagieren, weil ich sah, dass die Leute in führenden Positionen nicht genug taten.

Haitis UN-Hauptquartier nach dem Beben vom 12.1.2010 (Quelle: Wikipedia)
Haitis damaliger Präsident René Préval zeigte sich tagelang nicht…
Das ist der Grund, warum wir ihn loswerden müssen.
Wo war er?
Geld verdienen. Er verdient immer noch Geld. Seine Frau verdient Geld. Seine Freunde verdienen Geld.
Sie haben nach dem Erdbeben in der Huffington Post geschrieben: “Wir können nun entweder zusehen, wie Haiti aus dem Staub aufersteht, oder, wie die Hilfe für Haiti das tut, was sie immer zu tun scheint: Sie fließt in einen gigantischen metaphorischen Magen, um von den Säften der Korruption zersetzt zu werden.” Was bringt Sie dazu zu glauben, mit der neuen Regierung könnte das anders sein?
Wir werden angreifen. Jeden, der korrupt ist. Und ihn zum Gegenstand der öffentlichen, landesweiten Debatte machen.
Ist ein Musiker gut als Präsident für Haiti?
Das kommt auf den Musiker an.
Macht ihr Cousin gute Musik?
Ich war nie ein großer Fan.
Michel “Sweet Micky” Martelly – Karnevalssong 2009
Lustige Antwort.
Wirklich nicht. Ich begeistere mich für kaum einen Musiker. Ich bin sehr isoliert, sehr alleine.
Als Musiker?
In meinem Leben.
Aber Sie haben eine Frau, Kinder…
Ja, und die Band, und meine Angestellten, aber ich habe keine Freunde. Ich gehe nicht auf Parties. Ich sozialisiere mich nicht. Ich arbeite.
Ihre Kinder besuchen Colleges in den USA und Kanada. Haben sie musikalische Absichten?
Ich hoffe nicht. Es ist ein schrecklicher, sehr schwieriger Beruf. Ich hatte Glück, denn ich liebe, was ich tue.
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Die Band teilt sich auf zwei Busse auf, wir fahren wieder quer durch das nächtliche New Orleans, und Richard Morse erzählt von der Stadt und Haiti als “Zwillingsschwestern, die bei der Geburt getrennt wurden.” 1806, kurz nach der haitianischen Revolution, habe die Bevölkerung der Stadt zu fünzig Prozent aus Haitianern bestanden. Napoleon, der Haiti verloren hatte, verkaufte die Region um Louisiana an die Amerikaner. “New Orleans wurde von amerikanischen Eltern adoptiert, Haiti musste alleine klarkommen”, sagt Morse. Die nächsten zwei Stunden verbringt er in einem großen Proberaum, den er für seine Band angemietet hat.

12 Mann und ein Ehepaar: Lunise (li.) und Richard Morse bei der Bandprobe
Als RAM tags darauf beim Festival auftritt, fällt der Strom auf der Bühne aus. Die Wartezeit bewirkt, dass die Band ihren letzten Song spielt, während auf allen anderen zehn Bühnen bereits Feierabend ist. Win Butler und Régine Chassagne, das Frontpärchen von Arcade Fire, stürmen plötzlich auf die Bühne und tanzen mit, man kennt sich aus Haiti. Richard Morse mischt sich unters Publikum, im Sonnenuntergang beginnt eine wilde Polonese. Haiti und New Orleans sind wieder eins, für den Moment.

Tanzkurs mit RAM: Als Richard Morse...

...mit seiner Band das Festival beschließt, mischt er sich in die Menge...

...und löst eine spontane Freudenparade aus.
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