Doktor Rasta

Erlöser und Verkünder: Haile Selassie (l.) und Marcus Garvey (Quelle: Wikipedia)

Erlöser und Verkünder: Haile Selassie (l.) und Marcus Garvey (Quelle: Wikipedia)

In den 1920er Jahren sagte der Jamaikaner Marcus Garvey voraus, dass in Afrika bald ein schwarzer König gekrönt werde. Dieser König, so Garvey, werde den schwarzen Teil der Menschheit in die Freiheit führen.

Als im Jahr 1930 “Ras” (Anführer) Tafari Makonen, besser bekannt unter seinem königlichen Namen Haile Selassie, den Thron von Äthiopien bestieg, sah Garvey, ein Populist und Politiker, der bereits wegen Betrugs im Gefängnis gesessen war, seine Prophezeiung bestätigt. Von nun an trat er mit seiner Selassi-Theorie als Prediger auf und diente einer wachsenden fundamental-christlichen Bewegung in der Karibik gleichermaßen als Chefideologe und Namensgeber – den “Rastafaris”.

Vor allem auf Jamaika wuchs in den folgenden Jahren die Zahl der Jünger konstant an. Der kleine, schmächtige Haile Selassie, wie alle Äthiopier Nachfahre der Königin von Saba (so will es die Legende), brauchte aber gut dreißig Jahre, bis er seine gläubigen Fans in der Ferne ernst genug nahm, um persönlich vorbeizuschauen. Als der “Löwe von Juda” 1966 seinen erlauchten Fuß schließlich auf jamaikanischen Boden setzte, geriet die Karibikinsel in eine Art Ausnahmezustand.

Schauen Sie rein:
H(is) I(mperial) M(ajesty) Haile Selassie Visits Jamaica – Dokumentarfilm der BBC

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Auf dem Höhepunkt des Kultes beschlossen ein Dutzend junge Rastafaris, Ernst zu machen. Stets war ihnen gepredigt worden, dass Afrika allen Afrikanern gehöre und dass die Repatriierung, die Rückkehr nach Afrika, für alle Rastas verbindliches Ziel sei. Doch keiner hatte sich bisher getraut. Äthiopien, das gelobte Land im Osten Afrikas, schien unerreichbar weit weg. 1963 machten sie sich dennoch auf den Weg – und kamen an.

Als die karibischen Pilger in Addis Abeba auftauchten, wusste der Messias zuerst nicht so recht, wohin mit ihnen. Schließlich schenkte er ihnen 500 Hektar Land – in sicherem Abstand zum Königspalast. 250 Kilometer von Addis entfernt, am Rand der Stadt Shashemene, errichteten die Jamaikaner einfachste Hütten, gruben die trockene Erde um und blieben – zur Verwunderung der Äthiopier, die Haile Selassie vor allem als Feudalherrscher und Unterdrücker erlebten.

Heute, 35 Jahre nach dem Tod des Gottkönigs, leben etwa 200 Jamaikaner in Shashemene. Längst sind sie eine Touristenattraktion, es gibt ein Museum, ein Denkmal, klischeemäßig viel Marihuana – und neuerdings auch eine Doktorarbeit: “Raus aus Babylon, rein ins gelobte Land: Die repatriierten Rastafari aus äthiopischer Sicht”. Die Autorin ist Erin MacLeod, Kommunikationswissenschaftlerin aus Montreal.

Ich treffe die 34-jährige in Addis Abeba, kurz nach ihrer Rückkehr aus Shashemene, wo sie mehrere Monate lang über die Rastas, ihre Kultur und ihr Image bei den Äthiopiern vor Ort geforscht hat. Ihre Doktorarbeit wird in wenigen Wochen veröffentlicht – im Tonspur-Protokoll berichtet sie vorab von den Ergebnissen ihrer Rasta-Safari.

Mitten in Shashemene: Erin MacLeod bei einer Versammlung

Doktor Rasta: Erin MacLeod bei einer Versammlung in Shashemene...

...und beim Dorfspaziergang.

...und beim Dorfspaziergang. (Alle Fotos: Erin MacLeod)

“Während ich für meine Doktorarbeit recherchierte, habe ich an einer Schule in Shashemene Englisch unterrichtet. Als ich den Schülern erzählte, dass ich wegen der Rastafaris hier sei, hat die ganze Klasse gekichert. Einer witzelte, ich wolle doch bloß an Haschisch rankommen. Ein anderer erzählte, seine Eltern hätten ihm verboten, das “Jamaica sefer”, so heißt die Rasta-Siedlung auf amharisch, zu betreten.

Also sagte ich der Klasse, warum ich gekommen war: Ich wollte herausfinden, wie die Äthiopier über die Rastas denken. Die Kinder schauten mich erstaunt an. Das war die häufigste Reaktion, die mein Vorhaben auslöste. Noch nie hatte die Einheimischen jemand nach ihrer Meinung zu den Rastafaris gefragt.

Die Antworten, die ich bekam, ähnelten sich. Die meisten Äthiopier halten die Rastas für nette Leute, stören sich aber an ihrem Marihuana-Konsum und können überhaupt nicht nachvollziehen, was an Haile Selassie göttlich sein soll.

Kinder in Shashemene

Kinder in Shashemene

“Trotz dieser offensichtlichen Verschiedenheiten gibt es eine Sache, die beide Parteien zusammenbringt: die Musik. Einmal im Jahr, am 23. Juli, veranstalten die Rastafaris eine Auto-Parade durch die Stadt. Die Äthiopier beachten das Spektakel tagsüber kaum, dafür nachts umso mehr, wenn die Rastas eine riesige Party zu Ehren von Haile Selassie geben.

Das Hauptquartier der “Twelve Tribes of Israel”, einer der wichtigsten Gemeinden innerhalb der Rastafari-Kultur, hat an diesem Abend für alle geöffnet. Die Rastas kochen vor ihren bunt angemalten Häusern – manche sehen aus, als wären sie in Jamaika ab- und hier wieder aufgebaut worden –  karibisches Essen, und die besten Musiker der Community füllen die Straßen mit Reggae-Musik. Schwere Bässe hören und dabei Curry mit Ziegenfleisch oder marinierten Fisch zu essen, ist in Jamaika völlig normal, in Äthiopien einmalig. Touristen, Einheimische und Rastafaris aller Altersgruppen sind jedes Jahr dabei und haben richtig Spaß.

Rasta Parade: Tagsüber fahren die jamaikanischen Auswanderer...

Rasta Parade: Tagsüber fahren die jamaikanischen Auswanderer und ihre Nachkommen...

...mit Lastern durch die Stadt...

...mit Lastern durch die Stadt...

..danach laden sie zum Feiern in der Community ein.

..danach laden sie zum Essen...

...und Tanzen in der Community ein.

...und Tanzen in der Community ein.

“Ich interessiere mich seit Jahren für die Rastas in Äthiopien und war schon mehrmals bei diesem Fest. Einmal nahm ich meinen Dolmetscher mit. Als äthiopischer Protestant hielt sich seine Begeisterung für die Rastafari-Religion in Grenzen, aber als er dann mitten in der Party stand und Reis mit Bohnen und gegrilltem ‘Jerk Fish’ aß, drehte er sich zu mir um und sagte: ‘Weißt du, so so schlimm sind die gar nicht. Ihr Essen ist gut, und ihre Musik ist auch völlig in Ordnung. Wenn sie nur nicht so laut spielen würden!’

Auch wenn Musiker aus Shashemene wie Sidney Salmon – der seit Jahren seinen Hit ‘Ethiopia Is Calling’ performt – und Teddy Dan im ganzen Land auftreten, kommt der äthiopische Reggae keineswegs bloß von den repatriierten Rastas. Jonny Ragga, Eyob Makonnen und die Mehari Brothers sind nur drei von vielen einheimischen Künstlern, die sich an Jamaikas bekanntestem Export versuchen.

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Sidney Salmon – Shashamene On My Mind

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Eyob Mekonen – Endatefash

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“Für die meisten von ihnen ist Reggae aber keine Glaubenssache. Jonny Raggas bekanntester Song ‘Give Me The Key’ beispielsweise handelt von der Liebe zu einem hübschen Mädchen, nicht von Haile Selassie. Und Henock Mehari sagte im Interview zu mir: ‘Dreadlocks stehen für Style, nicht für Glauben. Die meisten Äthiopier glauben nicht an all das. Jeder hier liebt zwar Reggae-Musik, Bob Marley ist berühmt und anerkannt. Die Reggae-Kultur beeinflusst uns, genauso wie viele andere Menschen weltweit auch. Aber es geht dabei eben nicht nur um Rastafari. Ich sehe diese Musik als etwas, das ursprünglich den Rastas gehört, aber von vielen Musikern an ihren eigenen Glauben angepasst wurde…und inzwischen ganz normale Musik ist.’

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Jonny Ragga – Give Me The Key

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“Der bekannteste Äthiopier, der sich seit längerem mit Reggae beschäftigt, ist der legendäre Sänger und Produzent Teddy Afro. Er war der bislang einzige, der Reggae anders nutzte – nicht als Musikstil, sondern als Politikum. Über die Reggae-Rhythmen sang er gegen die Regierung an, sein Song ‘Yasteseryal’ wurde prompt zensiert und darf in Äthiopien nicht mehr aufgeführt werden.

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Teddy Afro – Yastereseryal

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shashemene1“Wenn mich jetzt Leute fragen, was die Äthiopier über die Rastafaris denken, spiele ich ihnen oft den lokalen Reggae vor. Klar habe ich auch mit vielen Äthiopiern gesprochen, die den Rastafari-Glauben vollkommen ablehnen und sich überhaupt nicht für diese Leute interessieren. Und natürlich haben beide Gruppen verschiedene Angewohnheiten und Mentalitäten. Aber der äthiopische Reggae, der erst durch die Ansiedlung der Rastafaris in Äthiopien entstanden ist, ermöglicht es den beiden Gruppen, sich zu verständigen. Durch Musik wird Kultur geteilt.”

Zum Weiterlesen: Erin MacLeoud bloggt und twittert

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7 Antworten zu “Doktor Rasta”

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Tobias Huber (seen.) and Erin MacLeod, Erin MacLeod. Erin MacLeod said: Can you read German? If so, you can read a piece by/about me for ARTE.tv: http://tonspur.arte.tv/blog/athiopien/2010/11/09/doktor-rasta/ [...]

  2. [...] recently wrote a little something about Ethiopian reggae for Arte.tv’s Tonspur website (accompanied by a few of my photos and some fun videos). I presented a longer piece on the [...]

  3. [...] recently wrote a little something about Ethiopian reggae for Arte.tv’s Tonspur website (accompanied by a few of my photos and some fun videos). I presented a longer piece on the [...]

  4. student sagt:

    nice post. thanks.

  5. revo sagt:

    Was für ein schöner Beitrag!

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